Schwarze Revolution im Grünen Imperium

Die Urwahl der Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt  ist die dritte große Zäsur in der Geschichte der Grünen. Nach Parteigründung und Regierungsverantwortung folgt nun: die neue Bürgerlichkeit. Eine Koalition mit der Merkel-CDU wird immer wahrscheinlicher.

Die Grünen zeigen ihr wahres Gesicht. Von Ödön von Horvarth stammen einige unsterbliche Sätze, aber aus allen ragt dieser heraus: Eigentlich, schreibt der Dichter 1929, „bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu“. Die Grünen sind jetzt dazu gekommen. Und sehen: Wir sind ja wirklich ganz anders. Die Urwahl um die beiden Spitzenplätze für die Bundestagswahl im kommenden Jahr ist mehr als eine bloße Entscheidung zwischen drei Kandidatinnen und einem Kandidaten. Keineswegs nur nebenbei hat die Öko-Partei mit der Wahl von Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt eine Inventur ihrer Grundwerte, ihrer Überzeugungen, ihres politischen Standorts und ihrer strategischen Perspektiven vorgenommen. Nach einem knappen halben Jahrhundert der Existenz ist dies der dritte Markstein am Lebensweg der Grünen. Der erste markiert die Zeit, als aus dem Fluidum der Anti-Atom- und Anti-Kriegs-Bewegung eine handfeste Partei wurde. Das war die Geburt der Grünen. Die zweite Zäsur stand an, als sich Joschka Fischer in Turnschuhen als Umweltminister im Kabinett von Holger Börner vereidigen ließ. Das war der Anfang der Regierungsgrünen, hervorgegangen aus den strukturell oppositionellen Dagegen-Grünen. Und dieses Wochenende markiert die Wende der linken Grünen zu den bürgerlichen Grünen. Das ist die tiefere Erkenntnis hinter den Personen, die gewählt und vor allem jenen, die nicht gewählt wurden.

Aufgestanden gegen die Übermutter Im Zentrum steht dabei eine Revolution. Die grüne Partei ist aufgestanden gegen die Übermutter Claudia Roth und hat sich statt ihrer für Katrin Göring-Eckardt entschieden. Die Basisgrünen, das zeigt diese Abstimmung erbarmungslos, sind den Alarmismus ihrer langjährigen Frontfrau leid, die mit weit aufgerissenen Augen und beladen vom Leid der Welt, gut Gemeintes in ewiggleicher Lautstärke hinausruft. Dieses Wochenende ist der Anfang vom politischen Ende der Claudia Roth. Jürgen Trittin, der andere Ur-Linke, hatte diese subkutane Veränderung der Grünen längst wahrgenommen und sich darauf eingestellt. Aber Claudia Roth agitierte weiter, als stünde sie immer noch auf einem zur Bühne umfunktionierten Bauwagen vor dem Rauchhaus in Kreuzberg, und danach kommen Rio Reiser und Ton Steine Scherben. Bei den Grünen hat nun die Basis die Tonschicht zwischen sich und der Parteispitze mit Hilfe der Urwahl durchdrungen. Die Ausbildung dieser wasserdichten Tonschicht aus Funktionären ist ein Wesensmerkmal von etablierten Parteien. In der Hinsicht sind die Grünen wie die SPD geworden. Jetzt aber konnte der wahre grüne Geist einsickern in die Spitze der Partei. Daraus ergeben sich neue Perspektiven, und darauf haben alte Streiter in Wahrheit insgeheim schon lange gewartet. Joschka Fischer hat Katrin Göring-Eckardt stets als zu bequem verhöhnt, weil sie nicht aktiv für ihre Grundeinstellung und damit für eine schwarz-grüne Option gekämpft hat. Vielleicht sind Vernunftkoalitionen stabiler Jetzt ist sie da, KGE – und die Option auch. Wer das nicht sehen will, der immunisiert sich gegen das Offensichtliche aus ideologischen Gründen. Mit dem Ergebnis der Urwahl sind die Grünen einem Bündnis mit der Union auf Bundesebene einen ganz großen Schritt näher gekommen. Soll bitte keiner glauben, der alte K-Gruppen-Kämpe könne wegen seiner Herkunft aus dem linken Milieu keine Regierung mit einer Merkel-CDU bilden. Ohne dass Blutdruck oder Herzschlag auch nur ein bisschen nach oben gehen, macht ein Jürgen Trittin das, wenn es das Wahlergebnis nahelegt. Denn es geht hier nicht um Gefühle, Liebe und Neigung. Sondern um Macht.

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke (DER SPIEGEL)

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